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Öffentliche Anhörung der nordfriesischen Wirtschaft aus dem Bereich der Erneuerbaren Energien am 29.04.2010 | Veranstaltungen | lebenswertes langenhorn

Öffentliche Anhörung der nordfriesischen Wirtschaft aus dem Bereich der Erneuerbaren Energien am 29.04.2010

Zur Veranstaltung in Husum - Ein subjektiver Bericht über die Windlobby-Vorträge - von Bernd Korthaus

Zunächst sprach Herr Matthias Volmari von der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Nordfriesland. Atemlos schwärmte er von den unglaublichen wirtschaftlichen Möglichkeiten der Windkraft. Selbst in den Kleinwindanlagen sah er die Keimzelle eines großen neuen Wirtschaftszweiges für Nordfriesland.

Sehr interessant ist es, sich den personellen Aufbau dieser von unseren Steuergeldern bezahlten Agentur anzusehen:

http://www.wfg-nf.de/seiten/de/wir_ueber_uns/ansprechpartner.php

Die eine Hälfte reine Windkraft-Förderung, die andere Hälfte Tourismus.
Dies muss als absoluter Geburtsfehler dieser Agentur angesehen werden, denn Windkraft und Tourismus passen nicht zusammen. Windkraft verschlechtert kontinuierlich die touristischen Voraussetzungen unserer Region.
Der Tourismus in unserer Region hat damit staatlicherseits keinerlei Eigenständigkeit, um sich gegenüber der Windbranche zu behaupten und ihr Paroli zu bieten.


Der nächste Beitrag kam von Reinhard Christiansen von der ARGE Netz. Er war sich nicht zu schade, sich über an WKA verunglückte Seeadler lustig zu machen. Zitat: "Also wenn dann mal ein Seeadler verunglückt in einer WKA, dann doch nur deshalb, weil es die Seeadler mittlerweile wieder gibt..."
**Lautes Lachen bei den nordfriesischen Abgeordneten**

Was für eine krude Logik, der Seeadler ist selbst schuld, weil er wieder da ist... nicht die WKA ist schuld...

Eigentlich müsste man eine Mahnwache halten vor der Tür der ARGE Netz mit einem großen Plakat.

Es wurden auch Zahlen genannt: 612 WKA in NF Ende 2009, zusammen 10 Mio. Gewerbesteuer, somit durchschnittlich ca. 16.000 Euro Gewerbesteuer pro WKA (falls die Zahlen stimmen).

Landrat Dieter Harrsen ergänzte dazu, dass davon nur ca. 30% bei den Gemeinden selbst bleiben, somit 5.000 Euro jährlich pro Gemeinde-Windriese. Kaum der Rede wert angesichts der immensen Dorfbild-Zerstörungen, die damit einhergehen.

Angesichts der Riesenprobleme, die die WKA mit sich bringen, und dem Kannibalisierungseffekt für den Tourismus, ist das m.E. keine Größe, die die weitere Zerstörung unserer kulturhistorischen Landschaft rechtfertigt - denn es handelt sich lediglich um einen Kapitaltausch, bei dem Immobilienwerte, Landschaft und Tourismus-Gewinne vernichtet werden.


55% der 2.568 WKA in SH, also 1.400, stehen übrigens in den drei Westküsten-Kreisen! (zur Gesamtzahl SH siehe http://www.wind-energie.de/index.php?id=11)
Die Windkraft wäre mittlerweile der drittgrößte Branche nach Tourismus und Landwirtschaft (allerdings auch die Branche, die die größten Probleme für Natur, Landschaftsbild und Menschen mit sich bringt).


In einer von der ARGE Netz nach der Anhörung verteilten Broschüre findet sich folgender Unsinn:

a) NF könnte der erste Kreis sein, der seinen gesamten Strombedarf aus den "erneuerbaren Energien" deckt (welch hippes Wort...)

Mal kurz gegoogelt:
http://www.energymap.info/energieregionen/119/477.html

Demzufolge deckt der Kreis NF seinen Strombedarf bereits zu 141% aus den EE. Mit welcher Begründung werden nun immer noch die landschaftszerstörenden Windriesen aufgestellt?

b) Urlauber sollen demnächst direkt am Bahnhof ihr Elektro-Fahrzeug erhalten.
Dazu sei die Frage erlaubt, wer dies finanzieren soll.
Und glaubt jemand wirklich, es werden bei uns zukünftig Scharen von Touristen anreisen, die dann mit ihren Elektroautos Slalom fahren um Tausende von Windstangen? Im Leben nicht!

c) Ganz besonders unverschämt dann das Fazit der ARGE Netz:
"Die Errichtung von Windkraftanlagen in SH und ganz besonders in NF, sorgt für Wertschöpfung und Einkommen, kann den Tourismus ankurbeln, schützt das Klima und fördert den Natur- und Umweltschutz.
Wenn wir gemeinsam mit Augenmaß, sorgfältiger Planung und Entschlusskraft die Visionen umsetzen, dann werden wir ein Kreis mit Zukunft und Lebenskraft - ein Leuchtturmkreis sein!"

Gut, dann wollen wir uns diese Argumentation einmal im Einzelnen vorknöpfen:

- sorgt für Wertschöpfung und Einkommen
Leider aber nur bei einigen wenigen: beim geplanten "Bürgerwindpark" Langenhorn z.B. entspricht das tägliche WKA-Einkommen eines beteiligten 2-Personen-Haushaltes dem Gegenwert zweier Brötchen (68 Cent pro Person).

- schafft Arbeitsplätze
Das Ausmaß der Landschaftsvernichtung rechtfertigt nicht die Entstehung der Arbeitsplätze für Bau, Aufstellung und Wartung der Anlagen.

Gleichzeitig werden Arbeitsplätze im Tourismus vernichtet.
Neue Arbeitsplätze entstehen gar nicht erst, weil Firmengründer mit ihren Lebenspartnern und Kindern nicht in einer völlig verspargelten Landschaft leben wollen.

- kann den Tourismus ankurbeln
Diese Aussage ist absolut unverschämt angesichts der Anstrengungen der Haupt-Tourismusgebiete (Inseln und Eiderstedt), möglichst nicht eine einzige WKA in ihre Landschaft zu lassen.

- schützt das Klima
Kompletter Unsinn! In Europa ist die erlaubte CO2-Menge gesetzlich fixiert, da können wir WKAs aufstellen so viel wir wollen, siehe
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,606532,00.html

Außerdem kann Nordfriesland allein nicht das Weltklima ernsthaft ändern, indem es sich selbst zerstört.

- fördert den Natur- und Umweltschutz
Als Beleg für diese Behauptung diente im Vortrag der Umstand, dass beim Bau von WKA Umwelt-Ausgleichsabgaben fällig werden.
Demzufolge müssten wir also einfach Tausende weiterer WKA bauen, um Natur und Umwelt bestmöglich zu fördern?
Welche krude Logik, hinter der einfach nur eine ganz simple Grundeinstellung der Windlobby steht:
Windkraft ist in jeder Hinsicht segensbringend.

Im Beitrag von Vestas wurde u.a. über die immens gestiegene Aufstellung von WKAs in China berichtet. Daher könnte man sich mit Fug und Recht fragen, warum wir denn immer noch unseren Landkreis weiter zerstören unter dem Vorwand, das müsste so sein damit wir nicht untergehen, obwohl dies anhand unserer Landkreis-Größe sowieso keine nennenswerten Weltklima-Auswirkung hat.

Volker Wiethüchter von EasyWind (Kleinwindanlagen) berichtete, dass überall dort, wo er eine Kleinwindanlage errichtet, weitere hinzukommen. Diese Anlagen scheinen also hochinfektiös zu sein.
Er beklagte sich über eine lange Genehmigungsdauer (bis 12 Monate). Niemand der anwesenden Politiker kam auf die Idee zu fragen, ob es überhaupt Sinn macht, angesichts von über 600 Groß-WKA in Nordfriesland und den neuen 150- bis 180-Meter-Anlagen auch noch unsere Dörfer flächendeckend mit den 30-Meter-Masten zuzustellen - vermutlich angesichts der enormen Beschäftigungseffekte (EasyWind = 8 Mitarbeiter, Neueinstellungen sind geplant).

Im Vortrag von Frau Ulla Meixner (BGZ-Gruppe/WKN Windkraft Nord AG) kam es dann ganz dicke. Sie forderte lautstark die Abschaffung der wenigen Gesetze und Vorschriften, die es noch gibt zum Schutz der Bürger.
Unter anderem forderte sie, den Mindestabstand bei 300 Meter zu belassen statt bei 500 Metern.

Außerdem forderte sie unseren Landrat auf, in Husum doch auch mehr EE-Anstrengungen zu unternehmen, und beispielsweise die - vielfach denkmalgeschützten - Häuser Husums verstärkt mit Solaranlagen zu bestücken.
Einen solchen Frevel haben ja bereits einige Eigentümer der historischen, mit einheitlich grünem Wellblech gedeckten Bauernhöfe im Sönke-Nissen-Koog bei Langenhorn vollzogen.
Hier ein noch ursprüngliches Dach:
http://wittmaack-nf.de/bild_haus2.jpg

Vertreter der Windlobby sehen nun mal in Nordfriesland nur eine flache Ebene mit viel Wind. Ein Verständnis für den kulturhistorischen Wert unseres in Deutschland einzigartigen Kreises geht ihnen vollständig ab.

Es ist dringend an der Zeit, hier ein Gegengewicht zu schaffen.

Sämtlichen Vorträgen war übrigens gemein, dass die Kreis-Politiker unverhohlen aufgefordert wurden, möglichst viele Flächen auszuweisen, dies so schnell wie möglich, und sämtliche schützenden Vorschriften abzuschaffen.

Der einzige Lichtblick der Anhörung war eine Wortmeldung des Abgeordneten Ulrich Stellfeld-Petersen (Fraktionsvorsitzender des SSW), der unmißverständlich klarmachte, dass die ohnehin spärlich vorhandenen nordfriesischen Wälder auch in Zukunft tabu sind für WKA (was sich doch eigentlich ganz von selbst verstehen müßte).
Denn natürlich hatte auch dies die Windlobby gefordert.

Man würde sich wünschen, dass es mehr Politiker gibt, die aufstehen und der Windlobby das Stop-Schild entgegenhalten.

In einem anderen Punkt können wir Herrn Stellfeld-Petersen leider nicht zustimmen. Er sagte, man müsse berücksichtigen, dass "nicht alle Mitbürger die Windkraftanlagen toll finden".
Das ist euphemistisch ausgedrückt.
In vielen Gemeinden, in denen Windkraft droht, schließen sich Bürger zu Initiativen zusammen, SH-weit aktuell über 70.
Es könnten noch mehr sein, wenn nicht in vielen Gemeinden das Thema möglichst geräuschlos an den Bürgern vorbei vorangebracht wird, bis man diese vor vollendete Tatsachen stellen kann.

Auch der hohe Verwandtschaftsgrad in den Dörfern, wo irgendwo immer ein Onkel Windkraft-Erwartungsland besitzt und Protest sich deshalb von selbst verbietet, tut sein übriges.
Und schließlich sind Strukturen früherer Tage in Nordfriesland immer noch vorhanden, die Landbesitzer haben immer noch sehr viel Einfluss auf die Gemeinderäte, während die restlichen Bürger sich reichlich wenig für die "hohe Politik" interessieren. Hoch wird es darum aber auch in anderer Hinsicht...

Es war schade, dass es bei der Anhörung keine Gelegenheit für uns Bürger gab, Fragen zu stellen oder Stellung zu nehmen zur ausufernden Windkraft in NF. Aber angesichts von nur 15 Minuten Fragezeit hätte ich meine sechs kritischen Fragen sowieso nicht einbringen können.
Diese müssen daher zu einem späteren Zeitpunkt an die Abgeordneten direkt gerichtet werden.


Bernd Korthaus

Mitglied des Vorstandes "Gegenwind Schleswig-Holstein e.V."
www.gegenwind-sh.de
Sprecher der Bürgerinitiative "Lebenswertes Langenhorn"
www.lebenswertes-langenhorn.de
info@lebenswertes-langenhorn.de